Bericht über den SHZ-Kongress „Forschung in der Homöopathie“ von Dr. Susanne Diez - www.homoeopathie-zertifikat.de

Bericht über den SHZ-Kongress „Forschung in der Homöopathie“ von Dr. Susanne Diez


Sehr aufschlussreich und für die Praxis direkt umsetzbar waren die Vorträge über Untersuchungen der wirksamen Kontextfaktoren einer homöopathischen Behandlung, die über die Arzneigabe hinaus den Behandlungserfolg fördern und oft zu wenig geschätzt werden. Dazu gehören vor allem die Qualität der Kommunikation, Kompetenz und Persönlichkeit des Therapeuten, Erwartungshaltung, Toleranz auch anderen Therapien gegenüber, sowie Patientenführung. Die Einsicht in diese begleitenden Faktoren, die schon in Hahnemanns Praxis wichtig waren, steigert nicht nur den Erfolg der Behandlung sondern kann auch zur Entlastung im Praxisalltag beitragen. „Was den Handwerker zum Arzt macht, ist die Beziehung, die der Arzt mit seinen Patienten eingeht“ (H. Schröder). Dabei  ist wesentlich, dass die Intention der homöopathischen Tätigkeit nicht das Gespräch ist, sondern die Arzneifindung, denn nur mit dieser Intention können die Kontextfaktoren optimal und synergetisch zum Tragen kommen. (Doktorarbeit von Harald Fritz, Vorträge von Prof. Heinz Spranger und Prof. Hartmut Schröder)

Rainer Schäferkordt (WissHom) berichtete von der Forschung und Qualitätsförderung durch Falldokumentation und dem Aufbau einer „Falldatenbank“.

Stefan Baumgartner fasste den aktuellen Stand der klinischen Forschung und der Grundlagenforschung in der Homöopathie zusammen. Kritik entzündet sich vor allem am Potenzierungsverfahren, für das es bis jetzt kein Erklärungsmodell gibt. Das Simileprinzip wäre ähnlich kritisierbar, steht aber nicht so im Fokus der Aufmerksamkeit. Die Frage „wie wirkt Homöopathie?“ wird oft kurzschlussartig auf die Wirkung der Arznei reduziert statt zu fragen: „wirkt die Homöopathie in der täglichen Praxis?“ deren Beantwortung sich mittels Kohortenstudien (in denen auch das wichtige Urteil der Patienten über die Wirksamkeit der Behandlung miteinbezogen wird) bestätigt! Mit doppelblind-randomisierten Studien kann man nur die Arzneiwirkung untersuchen, nicht aber die gesamte homöopathische Behandlung! Bisherige Outcome-Studien zeigten, dass die homöopathische Behandlung entweder vergleichbar oder sogar besser als jene beim „normalen Hausarzt“ abschneidet, bei weniger Nebenwirkungen und zumeist weniger Kosten (Witt et al 2005 – 2013). Homöopathie zeigt sich als bewährtes System mit hoher Patientenzufriedenheit. Es gibt wenige Studien zur klassischen Homöopathie. Aussage von Meta-Analysen ohne definierte Indikation ist jedoch wenig sinnvoll (z.B. Egger Studie), gut sind dagegen Meta-Analysen mit definierten Indikationen – 7 Studien sind signifikant positiv! Aktuelle Fragen der Grundlagenforschung: Gibt es spezifische Effekte homöopathischer Potenzen, die von Placebowirkungen unterscheidbar sind? Was geschieht beim Potenzieren? Und was passiert im Organismus?

Gregor Kindelmann berichtete über sehr interessante Versuche mit potenzierten Arzneien an Krebszellen. Ergebnisse von ca. 20 Studien: 1. Beim Testen verschiedener Potenzen treten Sinuskurven auf (auch was Hemmung und Aktivierung angeht). 2. Hochpotenzen können Lebensfähigkeit und Apoptoseverhalten der Krebszellen verändern. 3. Hochpotenzen wirken zellspezifisch (manche Arzneien nur auf Brustkrebszellen, andere nur auf Prostatakrebszellen). 4. Die C30 zeigte sich in vitro als überlegene Potenz. 5. Hochpotenzen bewirken veränderte Genexpression und epigenetische Modulation.

Prof. Harald Walach berichtete u.a. über seine Forschungen zum Placebo. Er riet uns, aufzuhören, gegen den Placeoeffekt zu kämpfen! Neue Definition des Placebo als Effekte der Bedeutung einer therapeutischen Handlung, die der Pat. wahrnimmt – das ist ein semiotischer Effekt. In Studien hat es der kleine spezifische Effekt, der „nur duch die Arznei“ auftritt (und auf den bei klinischen Untersuchungen vor allem geschaut wird) schwer, sich gegen den unspezifischen Effekt durchzusetzen. Der Patient nimmt aber immer den Gesamteffekt wahr! Für die Homöopathie muss festgehalten werden: Die Gesamteffekte sind groß! Aber es sind spezifische und unspezifische Effekte, die sich synergetisch steigern (dasselbe gilt für andere Medikamente auch!). Zu beachten ist, dass es in einer Studie, in der es einen hohen Verumeffekt gibt, auch einen hohen Placeboeffekt gibt! Es gibt 4 Komponenten der unspezif. Effekte: Das therapeutische Ritual, Insignien der Macht, passendes Weltmodell (Pat. erwartet Ganzheitsbehandlung), Beziehung. Walach erinnerte an die „Zwerge, die auf den Schultern der Riesen sitzen“: Die Riesen sind die unspezifischen Effekte, die die kleinen spezifischen Effekte auf ihren Schultern tragen …
All das soll uns bestärken, uns aus dem alleinigen Tunnelblick auf die Arzneiwirkung zu befreien und den Blick zu öffnen in die Perspektive eines Tuns, das die Arzneifindung notwendigerweise nicht aus den Augen verliert und gut um die spezifische Wirkweise weiß, diese aber in den Kontext eines heilenden Dialogs in der Begegnung, Wahrnehmung und Empathie zwischen Patientin und Therapeutin stellt.


Dr. med. Mag. phil. Susanne Diez, lebt und arbeitet in Wien als ärztliche Homöopathin und Psychotherapeutin in eigener Praxis seit 1984. Abgeschlossenes Studium der Philosophie 2007 an der Universität Wien. Lehrbeauftragte der Österreichischen Gesellschaft für Homöopathische Medizin seit 1992. Leiterin der„DENKWERKSTATT“.

Erstveröffentlichung in der Mitgliederzeitschrift der österreischen Gesellschaft für homöopathische Medizin (ÖGHM) „Homöopathie in Österreich“ Ausgabe 2/16